Für eine Welt, in der jede_r ohne Angst verschieden sein kann. – Ansätze einer diversitätsbewussten Bildungsarbeit bei der SJD – Die Falken.

Dieser Artikel ist erschienen im Reader für Multiplikator*innen in der Jugend- und Bildungsarbeit des IDA e.V. mit dem Titel “Diversität – bewusst wahrnehmen und mitdenken, aber wie?” im Dezember 2012.

Seit längerer Zeit beschäftigen sich die Falken in ihrer pädagogischen Arbeit mit den Herausforderungen einer diversitätsbewussten Bildungs- und Erziehungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ausgehend von den kontroversen Debatten um die “interkulturelle Öffnung” der Jugendverbandsarbeit hat der Bundesverband der Falken im Jahr 2011 beschlossen das Thema Vielfalt zu einem Schwerpunkt der Bildungsarbeit zu machen. Dabei ist zunächst festzuhalten, dass wir uns bewusst für den Begriff “Vielfalt” entschieden haben, auch in Abgrenzung zum Begriff “Diversity”, der in der politischen Debatte, u. a. im Bereich des Diversity- Managements für eine sehr ökonomische Herangehensweise steht und nicht die pädagogischen Ansätze widerspiegelt, die wir verfolgen wollen. Wir möchten mit unserer Bildungsarbeit dazu beitragen, über bestehende gesellschaftliche Verhältnisse hinaus zu denken und in unserer pädagogischen Praxis einen bewussten Zustand frei von Diskriminierungen und Ausgrenzung vorweg zu nehmen. Aus diesem Grund haben wir z.B. im Mai 2012 einen bundesweiten Vielfalt-Kongress, unter dem Motto: “Herrschaft bekämpfen – Befreiung leben!”, als Vernetzungs- und Schulungsseminar für Multiplikator_ innen unseres Verbandes durchgeführt. Damit haben wir als sozialistischer Kinderund Jugendverband zu aktuellen Debatten rund um die Themen Ausgrenzung, Integration, Inklusion, Diversität und Interkulturalität in der Jugendverbandsarbeit diskutiert, verschiedene Methoden ausprobiert und Impulse für die weitere Arbeit im Verband gesetzt. Dabei ist es für unsere pädagogische Praxis wichtig, dass solche Debatten auch für die Adressat_innen unserer Arbeit verständlich und nachvollziehbar sind. Unser Anliegen ist es nicht vorrangig Teil akademischer Debatten zu sein, sondern die vorhandenen Spaltungsachsen in dieser Gesellschaft und die damit verbundenen Mechanismen struktureller Ausgrenzung deutlich heraus zu stellen und in einen inhaltlichen Austausch mit Kindern und Jugendlichen einzusteigen, mit dem Ziel gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen und vorhandene Stereotypen, Zuschreibungen und Formen der Ausgrenzung zu überwinden. Um sich dem Begriff Vielfalt angemessen nähern zu können, war es notwendig, sich mit den in dieser Gesellschaft existierenden Herrschaftsstrukturen auseinandersetzen. Für die Sozialistische Jugend sind dabei folgende Fragen zentral: In welcher Weise sind wir im Alltag von Herrschaft und Ausgrenzung betroffen? Was ist eigentlich Diskriminierung? Was sind Mechanismen der strukturellen Ausgrenzung und vorhandene Spaltungsachsen im Hier und Heute? Der Vielfalt-Kongress stellte also einen ersten Startpunkt dar, das Thema aus der Perspektive der sozialistischen Erziehung, ausgehend von unseren pädagogischen Grundsätzen “Erziehung zur Freiheit, Gleichheit und Solidarität” zu besetzen. Dabei geht es bei der Bearbeitung der Thematik in unserem Verband explizit nicht “nur” um Vielfalt, sondern immer auch um die Verknüpfung von Vielfalt und Antidiskriminierung, die über den Begriff der interkulturellen Öffnung weit hinausgeht. Exemplarische Beispiele dafür finden sich in unserer Bildungspraxis sowie in der Gruppen- und Zeltlagerarbeit. So ermöglicht z.B. der Landesverband Hamburg der Falken seit Jahren Flüchtlingskindern die Teilnahme an Kinderzeltlagern, die in diesem Sommer zu einer gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung um die strukturelle rassistische Diskriminierung von Roma und Sinti in Deutschland geführt haben.[1] Ein weiteres Themenfeld in Sachen Antidiskriminierung ist die feministische Arbeit des Verbandes, um strukturelle Benachteiligungen von Mädchen und Frauen innerhalb des Verbandes zu überwinden und um in die Gesellschaft zu wirken.

Nach unserem Verständnis ist Antidiskriminierung als Voraussetzung für Vielfalt zu verstehen und zwar ausgehend von der politischen Überzeugung, dass der Abbau jeglicher Formen von Diskriminierungen die Voraussetzung dafür ist, dass Vielfalt überhaupt positiv gefasst und in der Kinder- und Jugendbildung praktisch erfahrbar werden kann. Für die pädagogische Praxis in unserem Verband bedeutet das vor allem bewusstseinsbildende Prozesse, hin zu mehr Sensibilität für Mechanismen von Ausgrenzung im Alltag, in Sozialräumen, aber auch in Sprache und Kommunikation zu initiieren. Des Weiteren bedeutet es strukturell benachteiligte Gruppen zu fördern und z.B. Bildungsveranstaltungen so zu konzipieren, dass in konkreten Begegnungssituationen Differenzerfahrungen oder Konflikte nicht durch Zuschreibungen und Erklärungen von außen (etwa durch die Seminarleitung) verstehbar werden, sondern die Einzelnen die Möglichkeit haben, sich selbst und ihr Handeln unter Rückgriff auf ihnen subjektiv wichtige Zugehörigkeiten und Hintergründe zu erläutern. In der Praxis gibt es für unsere Ansätze erste Beispiele, eines davon ist das modellhafte Tandem-Projekt mit der DIDF-Jugend.

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